Selbstbild ist veränderbar – was unsere Workshops bewirkt haben

Von Januar bis März 2026 führte Kinderschutz.li in fünf Mittelstufenklassen der Primarschule Schaan Workshops zum Thema Selbstbild durch. Inhaltlich wurden dabei zwei Workshop-Ansätze verbunden: „Mein positives Selbstbild formen“ und „Meine eigenen Talente und Wünsche aktiv nutzen und umsetzen“. Mit einer Wirksamkeitsanalyse wurden anschliessend die Veränderungen bewertet.
Die Rückmeldungen der Kinder zeigen zunächst eine hohe Akzeptanz: Die Workshop-Zufriedenheit lag bei 8,1 von 10 Punkten, der subjektive Lernwert bei 7,2 von 10 Punkten. Das bedeutet: Die Kinder haben den Workshop nicht nur positiv erlebt, sondern auch selbst wahrgenommen, dass sie etwas für sich lernen konnten. Auch die Lehrpersonen haben es so empfunden und in Summe den Workshop mit tollen 8,8 Punkten auf einer Skala von 1-10 bewertet.
Doch die eigentliche Wirksamkeit zeigt sich nicht allein in Zufriedenheitswerten. Entscheidend ist, ob sich im Denken, Sprechen und Verstehen der Kinder etwas verändert hat. Genau hier liefert die Auswertung besonders wichtige Hinweise.
Was wurde untersucht?
Vor Beginn und nach Abschluss der Workshops erhielten die Kinder Fragebögen zu den vermittelten Inhalten. Zusätzlich wurden Freitextantworten ausgewertet. So konnte sichtbar gemacht werden, wie Kinder vor und nach dem Workshop über Selbstbild, Stärken, Wünsche und Veränderungsmöglichkeiten sprechen.
Methodisch handelt es sich um eine praxisnahe Vorher-Nachher-Auswertung. Sie verbindet quantitative Daten – also Zahlenwerte und Kategorien – mit qualitativen Beobachtungen aus den Antworten der Kinder. Eine solche Auswertung zeigt besonders gut, welche Veränderungen im unmittelbaren Workshopverlauf sichtbar werden. Sie ersetzt keine langfristige Kontrollgruppenstudie, gibt aber wichtige Hinweise darauf, ob die Inhalte verstanden, angenommen und in die eigene Sprache der Kinder übersetzt wurden.
Vom äusseren Spiegelbild zum inneren Selbstbild
Zu Beginn der Workshops beschäftigten sich die Kinder mit der Frage, was Selbstbild überhaupt bedeutet. Viele dachten dabei zunächst vor allem an das äussere Erscheinungsbild: an Spiegel, Kamera, Fotos oder daran, ob jemand „hübsch“ oder „hässlich“ ist. Auf die Frage, ob Selbstbild veränderbar sei, wurde beispielsweise auch „Ja, mit Photoshop“ geantwortet.
Diese Antworten zeigen, wie stark Kinder Selbstbild anfangs mit äusserer Wahrnehmung verbinden. Das ist nachvollziehbar: Kinder erleben Rückmeldungen zu Aussehen, Leistung, Verhalten und Vergleichbarkeit jeden Tag – in der Familie, in der Schule, im Sport, im Freundeskreis und auch über digitale Medien.
Im Verlauf der Workshops verschob sich diese Perspektive deutlich. Nach den Einheiten verwendeten die Kinder vermehrt Begriffe wie Gedanken, Gefühle, Herz, Mut und Selbstvertrauen. Auch Formulierungen wie „an mich glauben“ oder negatives Feedback von aussen einordnen beziehungsweise ignorieren zu können, tauchten auf. Damit wurde sichtbar: Die Kinder begannen, Selbstbild nicht mehr nur als äusseres Bild zu verstehen, sondern als inneres Erleben.
Das ist pädagogisch bedeutsam. Denn erst wenn Kinder verstehen, dass ihr Selbstbild nicht einfach „feststeht“, sondern durch Gedanken, Erfahrungen, Beziehungen und innere Bewertungen beeinflusst wird, können sie beginnen, aktiv damit umzugehen.
Selbstbild kann gestaltet werden
Ein wichtiger Teil des Workshops bestand darin, eigene Stärken und Unsicherheiten wahrzunehmen. Die Kinder sammelten Gedanken über sich selbst – positive wie negative. In Partnerarbeit wurden individuelle Stärken weiterentwickelt. Dabei wurde für viele sichtbar: Selbstwahrnehmung ist subjektiv. Wie ich mich selbst sehe, ist nicht immer dasselbe wie das, was andere an mir wahrnehmen.
Die Kinder erkannten ausserdem, dass ihr Selbstbild stark durch Aussagen und Erwartungen von aussen beeinflusst wird: durch Eltern, Familie, Lehrpersonen, Trainerinnen und Trainer, Freundinnen und Freunde – aber auch durch Vergleiche mit anderen. Genau deshalb ist es wichtig, dass Kinder lernen, Rückmeldungen einzuordnen: Was hilft mir? Was verletzt mich? Was stimmt wirklich? Was möchte ich verändern – und was darf einfach zu mir gehören?
Dabei ging es im Workshop nicht darum, dass Kinder alles an sich verändern sollen. Im Gegenteil: Ein gesundes Selbstbild bedeutet auch, unterscheiden zu lernen. Manche Fähigkeiten kann man üben und weiterentwickeln. Andere Eigenschaften oder Merkmale gehören zu einem Menschen und dürfen angenommen werden.
Ein Beispiel: Wenn ein Kind glaubt, es könne nicht gut malen, kann es üben, neue Techniken ausprobieren oder entscheiden, dass ihm andere Dinge wichtiger sind. Körpergrösse, Augenfarbe oder Hautfarbe hingegen sind keine „Fehler“, die verbessert werden müssen. Hier geht es um Akzeptanz, Selbstannahme und Wertschätzung.
Messbare Veränderung im Verständnis
Um diese Entwicklung greifbar zu machen, wurden die Antworten der Kinder nach der Tiefe ihres Konzeptverständnisses ausgewertet. Dabei wurden drei Kategorien unterschieden:
Kategorie A – reflektiertes Verständnis:
Das Kind hat verstanden, dass Selbstbild ein inneres Konstrukt ist, das es aktiv beeinflussen kann.
Kategorie B – Übergang/Transition:
Das Kind zeigt erste Ansätze eines inneren Verständnisses, denkt aber teilweise noch in alten Mustern, etwa stark über Optik oder Spiegelbild.
Kategorie C – oberflächliches Verständnis:
Das Kind reduziert Selbstbild weiterhin vor allem auf Aussehen, Foto, Kamera oder Spiegel.
Die Veränderung zwischen Vorher- und Nachher-Befragung ist deutlich: Die Zahl der Kinder in Kategorie A stieg von 8 auf 26. Das entspricht einer Zunahme von 225 Prozent. Kategorie B wuchs von 26 auf 50 Kinder. Gleichzeitig ging Kategorie C von 64 auf 12 Kinder zurück – ein Rückgang von 81 Prozent. Die Angaben beziehen sich auf die jeweils auswertbaren Antworten.
Diese Entwicklung ist zentral für die Wirksamkeitsbewertung. Denn sie zeigt nicht nur, dass Kinder den Workshop mochten. Sie zeigt, dass viele Kinder nach dem Workshop differenzierter über Selbstbild sprechen konnten. Sie bewegten sich weg von einem rein äusseren Verständnis hin zu einem inneren, veränderbaren und gestaltbaren Selbstbild.
Diese positive Entwicklung deckt sich eng mit den Beobachtungen der Lehrkräfte nach den Workshops. Sie schätzten im Anschluss an das Projekt schätzungsweise 60 % bis 90 % ihrer Schülerinnen und Schüler so ein, dass diese nun in der Lage sind, sich selbst sowie ihre individuellen Stärken passend zu beurteilen. Zudem hoben die Lehrpersonen hervor, dass vor allem das Reflektieren über eigene Stärken den Kindern nach den Einheiten deutlich leichter fiel.
Umgang mit schwierigen Situationen
Selbstbild wird besonders dann herausgefordert, wenn etwas nicht gelingt: bei Konflikten mit Gleichaltrigen, schlechten Noten, sportlichen Rückschlägen oder abwertenden Kommentaren. Deshalb beschäftigten sich die Kinder auch mit Situationen, die das Selbstbild belasten können.
Sie überlegten, wie sie solche Erfahrungen neu bewerten können. Eine schlechte Note bedeutet nicht: „Ich bin dumm.“ Sie kann auch bedeuten: „Ich muss anders lernen“, „Ich brauche Hilfe“ oder „Ich probiere es beim nächsten Mal mit einer neuen Strategie.“ Ein sportlicher Rückschlag bedeutet nicht: „Ich kann nichts“, sondern vielleicht: „Ich brauche Übung“, „Heute war nicht mein Tag“ oder „Ich darf trotzdem stolz sein, dass ich es versucht habe.“
Besonders wichtig war dabei das innere Gespräch. Kinder lernen nicht nur durch das, was andere ihnen sagen. Sie werden auch stark von dem beeinflusst, was sie selbst über sich denken. Sätze wie „Ich bin nicht gut genug“ oder „Ich schaffe das nie“ können sich festsetzen. Im Workshop wurde deshalb daran gearbeitet, solche inneren Sätze wahrzunehmen, zu hinterfragen und durch hilfreichere Gedanken zu ersetzen.
Die Freitextauswertung zeigte, wie wichtig dieser Teil ist. Vor den Workshops waren bei mehreren Kindern belastende Körperbilder erkennbar. Manche beschrieben sich etwa als „zu dick“ oder „nicht schön“. Gerade solche Aussagen machen deutlich, warum Präventionsarbeit beim Selbstbild früh ansetzen muss. Kinder brauchen Werkzeuge, um negative Selbstbewertungen nicht ungeprüft zu übernehmen, sondern einordnen und verändern zu können.
Stärken, Wünsche und Vision Boards
Im weiteren Verlauf setzten sich die Schülerinnen und Schüler mit ihren persönlichen Stärken, Wünschen und Zielen auseinander. Für viele war das anspruchsvoll. Einige Kinder konnten zahlreiche Wünsche formulieren, andere orientierten sich zunächst stark an Erwartungen von aussen – etwa an schulischen Zielen, die eher von Erwachsenen geprägt waren.
Auch hier zeigte sich eine deutliche Entwicklung. Zu Beginn liessen rund 50 Prozent der Kinder Fragen zu Zielen und Wünschen unbeantwortet. Nach dem Workshop lag die Antwortquote bei beiden Fragen bei nahezu 100 Prozent. Das bedeutet: Die Kinder hatten nicht nur mehr Ideen entwickelt, sondern auch mehr Sprache und mehr Zutrauen gefunden, um eigene Wünsche auszudrücken.
Anschliessend gestalteten die Kinder ein eigenes Vision Board. Dabei ging es nicht um Leistungsdruck oder perfekte Zukunftspläne. Das Vision Board diente vielmehr dazu, Stärken, Wünsche, Werte und nächste Schritte sichtbar zu machen. Im Stärkenprofil zeigte sich Sport als wichtiger Identifikationsfaktor, gefolgt von Kreativität und sozialen Kompetenzen.
Gerade für das Thema Selbstbild ist dieser Schritt wertvoll. Kinder erleben: Ich habe Fähigkeiten. Ich darf Wünsche haben. Ich darf Ziele formulieren. Und ich darf mir überlegen, was ich brauche, um meinen Weg zu gehen.
Was Eltern, Schulen und Fachstellen daraus mitnehmen können
Die Auswertung zeigt: Kinder profitieren, wenn Selbstbild nicht abstrakt erklärt, sondern praktisch erfahrbar gemacht wird. Es reicht nicht, Kindern zu sagen: „Glaub an dich.“ Sie brauchen konkrete Erfahrungen, Sprache und Übungen, mit denen sie verstehen können, was sie stärkt und was sie verunsichert.
Für Eltern bedeutet das: Kinder brauchen Rückmeldungen, die mehr beschreiben als Leistung oder Aussehen. Hilfreich sind konkrete Beobachtungen wie: „Du bist drangeblieben“, „Du hast dir Hilfe geholt“, „Du warst mutig“, „Du hast gut zugehört“ oder „Du hast deine Grenze klar gezeigt.“
Für Schulen bedeutet es: Selbstbildarbeit gehört nicht nur in einzelne Projekte, sondern in eine Schulkultur, in der Kinder Fehler machen dürfen, Stärken sichtbar werden und Vergleiche nicht zum wichtigsten Massstab werden.
Für Fachstellen und Behörden zeigt die Auswertung: Prävention wirkt dort, wo Kinder in ihrer Selbstwahrnehmung, emotionalen Sprache und Handlungsfähigkeit gestärkt werden. Ein reflektiertes Selbstbild unterstützt Kinder dabei, schwierige Erfahrungen einzuordnen, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und Unterstützung anzunehmen.
Fazit: Wirksamkeit zeigt sich in Sprache, Verständnis und Ausdruck
Unsere Workshops an den Gemeindeschulen Schaan haben auf mehreren Ebenen Wirkung gezeigt: in der hohen Zufriedenheit der Kinder und Lehrpersonen, im subjektiven Lernwert, im messbaren Verständnis des Selbstbild-Konzepts, in der veränderten Sprache und in der Fähigkeit, eigene Wünsche und Ziele zu formulieren.
Besonders bedeutsam ist die Verschiebung vom äusseren zum inneren Selbstbild. Viele Kinder begannen zu verstehen: Selbstbild ist nicht einfach das, was ich im Spiegel sehe oder was andere über mich sagen. Selbstbild hat mit meinen Gedanken, Gefühlen, Stärken, Erfahrungen und inneren Bewertungen zu tun.
Damit leistet der Workshop einen wichtigen Beitrag zur Stärkung von Selbstwert und Selbstvertrauen. Und er zeigt: Kinder können lernen, anders über sich selbst zu denken – wertschätzender, realistischer und mutiger.
Selbstbild ist veränderbar. Und genau darin liegt eine grosse Chance für Prävention.
