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Schere, Leim und ein starkes Ich – in 6 Schritten zum Vision Board

Die folgende Schritt-für-Schritt-Anleitung zeigt, wie es geht

So können Eltern ein Vision Board zu Hause umsetzen.

Es braucht nicht viel: ein grosses Blatt Papier oder Karton, alte Zeitschriften, Prospekte, Fotos, ausgedruckte Bilder, Stifte, Schere, Leim und vielleicht ein paar Sticker oder Farben.

Wichtiger als das Material ist die Haltung. Das Kind soll spüren: Es gibt kein richtig oder falsch. Das Board muss nicht perfekt aussehen. Es gehört dem Kind.

Eltern können zu Beginn sagen: „Wir machen heute kein Schulprojekt. Du musst nichts beweisen. Wir schauen einfach gemeinsam, was dich ausmacht, was dir wichtig ist und was dir guttun könnte.“
Das nimmt Druck heraus und schafft Raum für ehrliche Antworten.

Schritt 1: Mit Stärken beginnen

Starten Sie nicht sofort mit Zielen. Viele Kinder verbinden Ziele schnell mit Erwartungen: bessere Noten, mehr Leistung, mehr Mut, weniger Fehler.
Für ein gesundes Selbstbild ist es hilfreicher, zuerst auf das zu schauen, was schon da ist.

Fragen Sie Ihr Kind:

  • Was machst du gerne?
  • Was kannst du gut?
  • Wann fühlst du dich wohl?
  • Wann warst du mutig?
  • Was hast du schon gelernt, obwohl es zuerst schwierig war?
  • Was mögen andere an dir?

Eltern können eigene Beobachtungen ergänzen:

  • „Ich sehe, dass du gut zuhören kannst.“
  • „Mir fällt auf, dass du kreativ bist.“
  • „Du bleibst dran, auch wenn etwas schwierig ist.“
  • „Du hast heute deine Meinung gesagt, obwohl du unsicher warst.“

Solche konkreten Rückmeldungen helfen Kindern, ihre eigenen Stärken besser wahrzunehmen.

Schritt 2: Wünsche und Werte sammeln

Danach geht es um Wünsche. Diese müssen nicht gross sein. Ein Kind darf sich wünschen, mutiger zu werden, mehr Zeit mit Freundinnen und Freunden zu verbringen, ein Instrument zu lernen, besser Nein sagen zu können oder sich weniger mit anderen zu vergleichen.

Hilfreiche Fragen sind:

  • Was wäre schön für dich?
  • Was möchtest du gerne ausprobieren?
  • Was ist dir wichtig?
  • Wie möchtest du dich fühlen?
  • Was möchtest du lernen?
  • Was soll in deinem Alltag mehr Platz haben?Wenn ein Kind zum Beispiel sagt: „Ich will besser in Mathe sein“, können Eltern nachfragen:
  • „Möchtest du das selbst – oder hast du das Gefühl, dass andere das von dir erwarten?“
  • „Was würde dir helfen, dich sicherer zu fühlen?“
  • „Was wäre ein kleiner erster Schritt?“

So bleibt das Vision Board beim Kind und wird nicht zur Sammlung von Erwartungen anderer.

Schritt 3: Bilder, Wörter und Symbole auswählen

Jetzt darf das Kind gestalten. Es kann Bilder ausschneiden, Wörter aufschreiben, Symbole malen oder Farben verwenden. Manche Kinder arbeiten sehr konkret, andere eher frei. Beides ist richtig.

Ein Fussball kann für Sport stehen, aber auch für Teamgeist. Ein Berg kann Mut bedeuten. Ein Herz kann Familie, Freundschaft oder Selbstannahme zeigen. Eine Sonne kann für Freude stehen.

Eltern können neugierig fragen:

  • „Was bedeutet dieses Bild für dich?“
  • „Warum passt dieses Wort zu dir?“
  • „Was erinnert dich daran?“

Nicht alles muss erklärt werden. Manche Bilder dürfen einfach da sein.

Schritt 4: Hindernisse mitdenken

Ein Vision Board soll ermutigen, aber nicht unrealistisch werden. Deshalb ist es sinnvoll, auch über Schwierigkeiten zu sprechen.

Fragen Sie Ihr Kind:

  • Was könnte schwierig werden?
  • Wann zweifelst du manchmal an dir?
  • Wer kann dir helfen?
  • Was kannst du dir selbst sagen?

Ein Beispiel:
Ein Kind möchte mutiger werden und klebt ein Bild von einem Berg auf. Gemeinsam kann man überlegen: Wann brauche ich Mut? Was macht es schwer? Wer unterstützt mich? Was wäre ein kleiner Schritt?

Daraus könnte ein Satz entstehen:

„Wenn ich Angst habe, etwas falsch zu machen, atme ich tief durch und sage mir: Ich darf es versuchen.“

So lernt das Kind nicht: „Ich muss nur positiv denken.“ Es lernt: „Ich darf Schwierigkeiten ernst nehmen – und trotzdem einen nächsten Schritt finden.“

Schritt 5: Einen kleinen nächsten Schritt festlegen

Am Ende sollte das Kind nicht mit vielen Aufgaben aus dem Gespräch gehen. Wählen Sie gemeinsam einen kleinen, machbaren Schritt aus.

Beispiele:

  • Ich schreibe diese Woche eine Sache auf, die mir gelungen ist.
  • Ich frage jemanden um Hilfe, wenn ich nicht weiterkomme.
  • Ich sage einmal klar, wenn ich etwas nicht möchte.
  • Ich übe zehn Minuten etwas, das ich lernen will.
  • Ich mache etwas, das mir guttut.
  • Ich probiere etwas Neues aus.

Der Schritt sollte so klein sein, dass das Kind ihn wirklich schaffen kann. Selbstvertrauen wächst durch erlebte Wirksamkeit: „Ich habe etwas versucht. Ich konnte etwas tun. Ich bin einen Schritt gegangen.“

Schritt 6: Einen guten Platz finden

Das Vision Board kann im Kinderzimmer hängen, am Schreibtisch liegen, in einer Mappe aufbewahrt oder an die Innenseite einer Schranktür geklebt werden. Wichtig ist, dass das Kind mitentscheidet.

Manche Kinder möchten ihr Board zeigen. Andere möchten es lieber privat behalten. Beides ist in Ordnung.

Nach einigen Tagen oder Wochen können Eltern behutsam nachfragen:

  • „Was gefällt dir an deinem Board noch immer?“
  • „Gibt es etwas, das du ergänzen möchtest?“
  • „Hat sich ein Wunsch verändert?“
  • „Welcher kleine Schritt ist dir gelungen?“
  • „Was brauchst du als Nächstes?“

Ein Vision Board darf sich verändern. Auch das ist eine wichtige Botschaft: Selbstbild ist nicht starr. Kinder dürfen wachsen und sich neu entdecken.

Worauf Eltern achten sollten

Ein Vision Board stärkt Kinder nur dann, wenn es ohne Druck entsteht. Eltern sollten das Ergebnis deshalb nicht bewerten oder korrigieren.

Nicht hilfreich sind Sätze wie:

  • „Das ist doch kein richtiges Ziel.“
  • „Kleb lieber etwas für die Schule auf.“
  • „Deine Schwester hat das ordentlicher gemacht.“
  • „Wenn du das wirklich willst, musst du dich mehr anstrengen.“

Hilfreicher sind offene Rückmeldungen:

  • „Erzähl mir, warum dir das wichtig ist.“
  • „Ich sehe, dass du dir Gedanken gemacht hast.“
  • „Das scheint dir Kraft zu geben.“
  • „Was brauchst du, damit du dich daran erinnern kannst?“

Kinder brauchen Erwachsene, die nicht bewerten, sondern begleiten.

Wenn schwierige Gedanken auftauchen

Manchmal zeigen sich beim Gestalten auch belastende Gedanken. Ein Kind sagt vielleicht: „Ich bin hässlich“, „Ich kann nichts“ oder „Niemand mag mich.“

Solche Aussagen sollten ernst genommen werden. Es hilft meist nicht, sie schnell wegzuwischen mit: „Das stimmt doch gar nicht.“ Besser ist es, ruhig nachzufragen:

  • „Seit wann fühlst du dich so?“
  • „Gibt es Situationen, in denen dieser Gedanke besonders stark ist?“
  • „Hat jemand etwas zu dir gesagt, das dich verletzt hat?“
  • „Was würdest du einer Freundin oder einem Freund sagen, wenn sie oder er so über sich denkt?“

Eltern müssen nicht sofort eine Lösung haben. Wichtig ist, dass das Kind merkt: Meine Gedanken dürfen ausgesprochen werden.

Falls ein Kind sich stark abwertet, häufig traurig wirkt, sich zurückzieht oder über längere Zeit sehr negativ über sich spricht, sollten Eltern zusätzliche Unterstützung suchen – zum Beispiel bei einer vertrauten Fachperson, der Schulsozialarbeit, einer Kinderärztin, einem Kinderarzt oder einer Beratungsstelle.

Das Schöne ist: Sie können noch heute anfangen. Ein Blatt Papier, ein paar alte Zeitschriften und ein ehrliches „Erzähl mir von dir“ reichen aus, um Ihrem Kind zu zeigen, wie viel in ihm steckt. Lassen Sie sich überraschen, welches Bild Ihr Kind von sich selbst entwirft.

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