Wie innere Stärke entsteht und wächst
Der Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl überlebte mehrere Konzentrationslager während des Zweiten Weltkriegs, darunter Theresienstadt und Auschwitz. In dieser Zeit verlor er nahezu seine gesamte Familie: seine Eltern, seinen Bruder und später auch seine schwangere Frau. Er selbst war Hunger, Kälte, Zwangsarbeit, ständiger Bedrohung und dem Verlust jeder äußeren Sicherheit ausgesetzt. Alles, was sein früheres Leben ausgemacht hatte – Beruf, Zuhause, Besitz, soziale Stellung – wurde ihm genommen.

Der österreichische Neurologe und Psychiater Viktor Emil Frankl 1997 in seinem Arbeitszimmer in Wien (picture alliance / ROBERT JAEGER / APA / picturedesk.com / ROBERT JAEGER)
Trotz dieser unmenschlichen Bedingungen beobachtete Frankl etwas Entscheidendes. Später schrieb er: „Dem Menschen kann alles genommen werden, nur nicht die letzte Freiheit – zu wählen, wie er sich zu dem stellt, was ihm widerfährt.“
Frankls Lebensgeschichte zeigt eindrücklich, was Resilienz im tiefsten Sinn bedeutet: Nicht das Leid selbst macht stark, sondern die Fähigkeit, selbst unter extremen Umständen eine innere Haltung zu bewahren, Hoffnung zu finden oder einen Sinn im Weiterleben zu sehen. Diese innere Stärke entsteht nicht isoliert – sie wächst aus früheren Erfahrungen, aus Beziehungen, aus inneren Überzeugungen und aus dem, was ein Mensch im Leben als bedeutungsvoll erlebt hat.
Was zeigen Studien? Die Langzeituntersuchung auf Kauai (Hawaii)
Eine der bekanntesten und einflussreichsten Studien zur Resilienz ist die Langzeituntersuchung der Entwicklungspsychologin Emmy Werner auf der Insel Kauai (Hawaii). In dieser Studie wurden 698 Kinder, die 1955 geboren wurden, über einen Zeitraum von rund 40 Jahren begleitet. Ziel war es zu verstehen, wie sich Kinder entwickeln, die unter schwierigen Lebensbedingungen aufwachsen. Ein Teil dieser Kinder war von Beginn an hohen Risikofaktoren ausgesetzt – darunter Armut, instabile Familienverhältnisse, psychische Erkrankungen der Eltern oder belastende Lebensereignisse. Trotz dieser Ausgangslage zeigte sich ein bemerkenswertes Ergebnis: Etwa ein Drittel der besonders gefährdeten Kinder entwickelte sich zu psychisch stabilen, sozial kompetenten und verantwortungsvollen Erwachsenen. Diese Kinder unterschieden sich nicht durch „Härte“ oder Gefühllosigkeit, sondern durch bestimmte Schutzfaktoren. Diese Kinder hatten meist mindestens eine verlässliche Bezugsperson, positive Erfahrungen in Schule oder Gemeinschaft sowie ausgeprägte soziale und emotionale Fähigkeiten.
Die Studie zeigte außerdem, dass Resilienz kein fixer Zustand ist. Entwicklungsverläufe können sich im Leben verändern – neue unterstützende Erfahrungen können Menschen stärken, anhaltende Belastungen ohne Unterstützung hingegen Risiken erhöhen.
Resilienz entsteht dort, wo Belastungen auf unterstützende Schutzfaktoren treffen und Kinder die Möglichkeit erhalten, eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Was versteht die Wissenschaft unter Resilienz?
Resilienz wird in der Entwicklungspsychologie als Fähigkeit bezeichnet, trotz erheblicher Belastungen eine positive Entwicklung zu nehmen. Fachleute sprechen heute von einem dynamischen Anpassungsprozess. Resilienz ist also keine feste Persönlichkeitseigenschaft, sondern entsteht im Zusammenspiel zwischen Risikofaktoren, Schutzfaktoren und individuellen Bewältigungsstrategien.
Zwei Bedingungen müssen gleichzeitig erfüllt sein, damit von Resilienz gesprochen wird:
1.) Erlebt ein Kind oder ein Erwachsener ernsthafte Belastungen.
2.) Zweitens gelingt dennoch eine altersangemessene, gesunde Entwicklung.
Resilienz bedeutet daher nicht Unverletzlichkeit, sondern Anpassungsfähigkeit unter schwierigen Bedingungen.
Resilienz wirkt auf mehreren inneren Ebenen
Resilienz ist keine einzelne Fähigkeit, sondern ein Zusammenspiel verschiedener innerer Bereiche. Forschung zeigt, dass sich Widerstandskraft sowohl im Denken und Fühlen als auch im Körper und in Beziehungen ausdrückt. Diese Dimensionen beeinflussen sich gegenseitig.
Emotionale Ebene
Kinder entwickeln Resilienz, wenn sie lernen, Gefühle wahrzunehmen, zu benennen und zu regulieren. Wer Angst, Wut oder Traurigkeit einordnen kann, wird weniger von ihnen überwältigt. Emotionale Regulation gilt als ein zentraler Schutzfaktor in belastenden Situationen.
Kognitive Ebene
Auch die Art, wie Kinder über Schwierigkeiten denken, spielt eine Rolle. Problemlösungsfähigkeiten, flexible Denkweisen und realistische Zuversicht stärken das Gefühl von Handlungsfähigkeit. Kinder lernen: Herausforderungen sind schwierig, aber nicht unüberwindbar.
Körperliche Ebene
Der Körper ist direkt an der Stressverarbeitung beteiligt. Ausreichender Schlaf, Bewegung, Erholung und ein reguliertes Nervensystem helfen Kindern, Belastungen besser zu bewältigen. Ein ruhiger Körper unterstützt klares Denken und emotionale Stabilität.
Soziale Ebene
Resiliente Kinder können Beziehungen nutzen. Vertrauen in andere, Bindungsfähigkeit und die Fähigkeit, Hilfe anzunehmen, wirken wie ein Schutzpuffer gegen Stress. Niemand entwickelt Resilienz von allein.
Sinn- und Identitätsebene
Kinder brauchen das Gefühl, wertvoll zu sein und dazuzugehören. Ein positives Selbstbild, Orientierung und Hoffnung geben innere Stabilität – auch in unsicheren Zeiten.
Was Resilienz nicht ist
Um Resilienz besser zu verstehen, ist auch wichtig, Missverständnisse zu klären:
- Resilienz bedeutet nicht, dass Kinder keine Gefühle zeigen oder alles „wegstecken“.
- Resiliente Kinder sind nicht immer stark oder belastbar – auch sie haben schwierige Phasen.
- Resilienz ist keine angeborene Superkraft oder Eigenschaft, die manche haben und andere nicht.
- Resilienz heißt nicht, Probleme allein lösen zu müssen – Unterstützung ist ein zentraler Bestandteil.
- Resilienz ist kein Leistungsbegriff. Wenn ein Kind Schwierigkeiten zeigt, heisst es nicht das es nicht funktioniert oder ihm der „Charakter“ fehlt, sondern es fehlt oft einfach die richtige Unterstützung.
Welche Faktoren fördern Resilienz?
Forschung unterscheidet drei zentrale Gruppen von Schutzfaktoren:
- Personale Faktoren: Selbstwirksamkeit, Problemlösefähigkeiten, Emotionsregulation, positives Selbstbild.
- Familiäre Faktoren: Mindestens eine verlässliche Bezugsperson, emotionale Wärme, klare Strukturen.
- Soziale Faktoren: Unterstützende Lehrpersonen, Freundschaften, Zugehörigkeit, Anerkennung.
Für Eltern und Fachpersonen bedeutet dies: Resilienz wächst vor allem durch verlässliche Beziehungen, Ermutigung und die Erfahrung, Herausforderungen nicht allein bewältigen zu müssen.
Resilienz ist somit eine ganzheitliche Aufgabe der Systeme Familie, Gesellschaft und Schule.
Quellen
Frankl, V. E. (1946/neuere Auflagen).
…trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München: Kösel.
→ Grundlage für das Zitat und Frankls Gedanken zur inneren Haltung und Sinnfindung unter extremen Bedingungen.
Rutter, M. (1987).
Psychosocial resilience and protective mechanisms. American Journal of Orthopsychiatry, 57(3), 316–331.
→ Wegweisender Beitrag zum Konzept der Schutzfaktoren und zur Resilienz als Prozess.
Masten, A. S. (2001). Ordinary Magic: Resilience Processes in Development. American Psychologist, 56(3), 227–238.
→ Prägt das heutige Verständnis von Resilienz als „alltägliche“ Anpassungsfähigkeit und dynamischer Entwicklungsprozess.
Werner, E. E., & Smith, R. S. (1992). Overcoming the Odds: High Risk Children from Birth to Adulthood. Ithaca, NY: Cornell University Press.
→ Zentrale Veröffentlichung zur Kauai-Langzeitstudie über Risiko- und Schutzfaktoren.
Werner, E. E., & Smith, R. S. (2001). Journeys from Childhood to Midlife: Risk, Resilience, and Recovery. Ithaca, NY: Cornell University Press.
→ Fortführung der Kauai-Studie bis ins Erwachsenenalter.