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Resilienz bei Kindern entwickeln – Ein Interview mit Alexandra Schiefen

«Wer Resilienz als Kind nicht lernt, ist als Erwachsener anfälliger für Burnout»

Psychische Widerstandskraft ist nicht angeboren. Umso wichtiger ist es, dass Kinder lernen, Frust auszuhalten und Strategien entwickeln, um mit Rückschlägen umzugehen, um im Berufsleben nicht überfordert zu sein. Familiencoach Alexandra Schiefen erklärt im Interview mit Manuela Schädler vom Vaterland, wie Kinder zu mental starken Menschen heranwachsen können und weshalb die Resilienz der Eltern dabei wichtig ist.

Aus: Wirtschaftregional | Jahresmagazin 2026

Frau Schiefen, früher war alles besser – gerade was die Erziehung und das Aufwachsen von Kindern anbelangt, ist dieser Satz immer wieder zu hören. Waren Kinder früher selbstbewusster und somit resilienter?
Alexandra Schiefen: Heute wirken viele Kinder und Jugendliche überfordert. Die fortschreitende Digitalisierung und zunehmende Nutzung der sozialen Medien konfrontieren sie mit Bildern und Informationen, die sie emotional belasten und oft nicht verarbeiten können: Gewaltszenarien, Kriegsbilder oder Pornografie sind schon im Grundschulalter ein Thema. Das war früher tatsächlich anders. Damals gab es nur den Fernseher mit begrenztem Programm. Heute hat fast jedes Kind Zugang zu digitalen Geräten und damit zum Internet.

Was machen diese Bilder mit den Kindern?
Das Gehirn eines Menschen ist erst mit 24 Jahren vollständig ausgereift. Kinder können belastende Bilder emotional nicht verarbeiten. Auch Computerspiele setzen sie unter Stress, weil ihr Gehirn noch nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann. Das kann zu Überforderung, Unruhe, Schlafstörungen bis zu Belastungen der mentalen Gesundheit führen– alles Faktoren, die der psychischen Widerstandskraft, also der Resilienz, schaden.

Verbringen Kinder zu viel Zeit vor Bildschirmen?
Viele Kinder sehen täglich fern, schauen Youtube oder spielen Computerspiele. Darüber berichten sie auch in den Workshops, die der Verein Kinderschutz.li an Schulen durchführt. Ihr Gehirn wird ständig mit Reizen überflutet – zusätzlich zu den Eindrücken und auch Belastungen des Alltags. Die psychischen Probleme bei Jugendlichen nehmen zu. Einige Länder haben bereits den Zugang zu sozialen Netzwerken reglementiert. Unkontrollierter Medienkonsum schadet Kindern – darüber müssen sich Eltern und die Gesellschaft bewusst sein.

Es liegt doch an den Eltern, die Bildschirmzeit zu regulieren und den Internetzugang zu beschränken?
Viele Eltern sind in ihrem Alltag gefordert und oftmals gestresst. Sie stehen selbst unter Druck und sind manchmal froh, wenn die Kinder ruhig vor dem Fernseher sitzen. Aber das Bild ist eben trügerisch; für die Eltern mag es eine Entlastung darstellen, die Kinder werden aber permanent mit Reizen überflutet.

Welche weitere Herausforderung nebst den digitalen Medien sehen Sie für die kindliche Resilienz?
Kinder sind heute oft stark verplant. Neben Schule und Hausaufgaben füllen zahlreiche Hobbys ihren Tag. Hingegen fehlt die Zeit zu regenerieren, sich zu erholen und die ganzen Einflüsse zu verarbeiten. Dies ist aber für Kinder – und auch für Erwachsene – sehr wichtig. Hinzu kommt, dass oft beide Elternteile arbeiten. Diese Doppelbelastung hinterlässt Spuren, denn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nicht immer leicht und kann zusätzlichen Stress entstehen lassen. Irgendwann sind die Batterien bei allen leer. Wenn Eltern selbst erschöpft sind, fällt es ihnen schwerer, ihren Kindern konstruktives Verhalten in Stresssituationen vorzuleben, um so ihre Resilienz zu stärken.

Was bedeutet denn Resilienz bei Kindern?
Resilienz beschreibt die Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen und schwierige Situationen zu bewältigen und mental gestärkt daraus hervorzugehen. Wie reagiert ein Kind, wenn es eine schlechte Note bekommt, nicht zu einem Geburtstag eingeladen wird oder beim Fussball verliert? Solche Situationen können frustrieren, wütend und traurig machen. Kinder müssen Strategien entwickeln, um damit umzugehen, dabei nicht aufzugeben und aus solchen Erfahrungen zu lernen. Diese Fähigkeit muss erlernt werden und ist ein wichtiges Rüstzeug für das gesamte Leben – auch für das spätere Berufsleben.

Wie können Eltern Resilienz fördern?
Neben einer liebevollen und sicheren Bindung brauchen Kinder klare Regeln und Grenzen. Auch eine konsistente Struktur ist sehr wichtig, damit sie Selbstvertrauen entwickeln und selbstbewusst durch das Leben gehen können. Eltern können Kinder auf Herausforderungen vorbereiten. Bei einem anstehenden Schulwechsel können Eltern beispielsweise das Gespräch suchen, sorgfältig planen und Materialien besorgen, den Schulweg gemeinsam erkunden oder Fotos vom Schulgebäude machen. Wichtig ist auch, dass Kinder Aufgaben selbstwirksam übernehmen dürfen, sei es im Haushalt oder beim Lernen. Viele Eltern nehmen ihren Kindern jedoch Probleme ab, erledigen teilweise die Hausaufgaben, räumen das Zimmer für sie auf oder lösen gar Konflikte für sie. Das ist kontraproduktiv und hilft nicht beim Stärken der Resilienz.

Warum? Die Eltern wollen ihrem Kind nur helfen.
Gut gemeint ist nicht immer gut. Kinder müssen lernen, selbst einen Streit zu lösen oder sich in der Schule zu verbessern, wenn sie schlechte Noten haben. Wenn Eltern ihnen alle Hindernisse aus dem Weg räumen, fehlt ihnen später die Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen. Resilienz entsteht so nicht.

Was können Eltern stattdessen tun?
Eltern sollten ihre Kinder begleiten, mit ihnen über ihre Gefühle bei ihren Herausforderungen sprechen und ihnen Zeit geben, Rückschläge zu verarbeiten. Sie können helfen, Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, ohne Lösungen vorzugeben, so geben sie den Kindern die Chance, selbstwirksam und eigen- verantwortlich zu handeln. Ein Perspektivenwechsel kann ebenfalls nützlich sein: Wie fühlt sich die Freundin, mit der es Streit gab? Was habe ich zum Streit beigetragen? Wichtig ist auch, dass Eltern ihren Umgang mit Fehlern überdenken. Gerade erst hat mir ein Kind erzählt, dass ihm bei Fehlern mit Gewaltandrohung begegnet wird. Kinder sollten lernen, dass Fehler Teil des Lernens sind und sie daran wachsen können. Abendrituale oder Achtsamkeitsübungen können auch helfen, Erlebtes zu reflektieren und Stress abzubauen.

Welche Rituale fördern die Resilienz?
Entscheidend ist, herauszufinden, was dem jeweiligen Kind guttut und ihm hilft, einen Ausgleich zum Alltag zu schaffen. Manche brauchen Bewegung, andere Ruhe. Auch das Streicheln eines Haustiers, eine Umarmung, Singen, Kochen oder Basteln können helfen, zu entspannen. Manchmal hilft auch ein Stressball oder etwas Kühles am Körper. Kinder auf die Ereignisse der Woche vorzubereiten ist ebenfalls förderlich. Ein Wochenplan schafft Struktur und gibt Sicherheit. Eltern sollten auch nicht vergessen, dass sie Vorbilder sind. Wie sie mit sich und schwierigen Situationen umgehen, setzt den Grundstein für das Verhalten ihrer Kinder in solchen Situationen. Sie können mit ihren eigenen Haltungen und ihrem Umgang mit der Welt ihre Kinder zu resilienten Erwachsenen begleiten.

Eine Gruppe Teenager in Superkinder KostümWas ist kontraproduktiv?
Die Kinder mit ihren Gefühlen und Reaktionen zu ignorieren oder Sätze wie «Stell dich nicht so an», «Ist doch nicht so schlimm» können zu einer Eskalation und verstärkten Überforderung des Kindes führen. Die Fähigkeit der inneren Stärke und Widerstandsfähigkeit in herausfordernden Situationen ist nicht angeboren.

Können genetische oder temperamentbezogene Voraussetzungen die Entwicklung von Resilienz trotzdem beeinflussen?
Ja, es gibt sicher Kinder, die stressanfälliger sind. Beispielsweise Kinder mit ADHS oder anderen Diagno- sen. Sie benötigen länger, um sich zu regenerieren sowie zusätzliche Unterstützung. Das trifft auch auf Kinder zu, die traumatische Erfahrungen machen mussten.

Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind überfordert ist?
Warnsignale sind nicht immer eindeutig. Manche Kinder ziehen sich zurück, andere reagieren mit Wutanfällen, kauen Nägel oder sind zappelig. Eltern sollten ihr Kind genau beobachten und einen Notfallplan bereithalten – etwa einen Stressball, einen Snack oder ein Foto eines schönen Erlebnisses.

Wie kann ein Kind unterstützt werden, wenn es eine Krise hat?
Wenn das Kind in einer Krise steckt, sollten Eltern sich zunächst selbst beruhigen, dann Blickkontakt suchen und dem Kind Sicherheit geben. Es hilft, das Kind aus der Situation zu nehmen, etwa weg von Geschwistern oder Mitschülern. Dem Kind Zeit geben und vielleicht gemeinsam eine Atemübung machen. Erst wenn das Kind sich vollständig beruhigt hat, ist ein Gespräch oder eine Lösungssuche sinnvoll. Irgendwann erkennt das Kind dann selbst die Anzeichen und kann sich regulieren. Eine Krise ist kein Trotzanfall, Kinder können eine Krise nicht steuern.

Wie reagieren resiliente Kinder auf Krisen oder belastende Ereignisse?
Resiliente Kinder kennen ihre Gefühle und wissen, wie sie mit ihnen umgehen können. Sie lassen sich so schnell nicht entmutigen, sondern machen weiter oder ändern ihre Strategie.

Kann man Resilienz auch im Erwachsenenalter lernen?
Natürlich, aber es ist schwieriger. Wer als Kind nie gelernt hat, Stress konstruktiv zu bewältigen, ist als Erwachsener oft schneller überfordert und anfälliger für Burnout. Viele spüren nicht, wann etwas zu viel ist und wie sie einen Ausgleich schaffen können. Positive Kindheitserfahrungen, das Überwinden von Hindernissen und das Meistern von Herausforderungen fördern die Resilienz auch im späteren Leben.

Auch in der Schule spielt Resilienz eine Rolle. Welche Kompetenzen sollten Lehrpersonen fördern, um Kinder langfristig zu stärken?
Die Förderung der überfachlichen Kompetenzen ist ja im Lehrplan festgehalten. Diese gilt es zu unterstreichen – Kinder anleiten, sich zu spüren, Gefühle zu benennen und mit ihnen umzugehen, ist ein wichtiger Baustein. Es hilft, das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen der Kinder zu stärken. Der Fokus auf ihre Kompetenzen und Stärken ist dabei auch sehr wichtig. Eltern berichten auch immer wieder, dass sie sich wünschen würden, wenn die Kinder Lernstrategien mit an die Hand bekommen würden, um mit Lernstress besser umgehen zu können. Eine Unterstützung bei Konfliktsituationen und in gruppendynamischen Prozessen wäre sicher auch förderlich. Kinder, die beispielsweise Mobbing erleben, sind nachweislich weniger gut in der Lage, sich zu konzentrieren. Erfolgreiches Lernen benötigt innere und äussere Stabilität. Der Fokus sollte wahrscheinlich mehrheitlich auf die Erreichung der überfachlichen Kompetenzen gelegt werden. Das ist aber eine gesellschaftspolitische Frage.

Was müsste sich gesellschaftlich oder politisch ändern, um Kinder nachhaltig zu stärken?
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedarf sicher noch einer Verbesserung, damit Eltern weniger gestresst sind und ihre Kinder stärkend begleiten können. Mehr Beratungsstellen für Eltern von Schulkindern wären hilfreich. Es gibt einige Angebote im Bereich der frühen Kindheit. Aber sobald die Kinder in der Schule sind, ist das Angebot eingeschränkt. Die Schule kann nicht alles leisten. Eltern und Kinder benötigen aber Unterstützung, damit die nächste Generation in der Arbeitswelt bestehen kann, ohne psychisch krank zu werden.

Alexandra Schiefen ist Mutter von zwei Töchtern und lebt seit 2006 in Schaan, wo sie ihre eigene Praxis für Kinesiologie, integrative Energiearbeit und Coaching führt. Ausserdem engagiert sie sich als Workshop-Entwicklerin und -Leiterin beim Verein Kinderschutz.li und ist auch Buchautorin. Alexandra Schiefen ist in Nordrhein-Westfalen geboren und aufgewachsen. Sie studierte Betriebswirtschaft in Bielefeld und lebte anschliessend 11 Jahre in Hongkong. Nach der Geburt ihrer jüngeren Tochter im Jahr 2002 entschied sie sich, ihre Tätigkeit als diplomierte Betriebswirtin im Bereich Personalentwicklung und Umweltkoordination zu beenden und sich neu zu orientieren. Fasziniert von fernöstlichen Heilmethoden, bildete sie sich in Guangzhou in Reflexzonentherapie und Akupressur weiter und erlernte in Hongkong Shiatsu, verschiedene Richtungen der Kinesiologie sowie systemische Familienaufstellung. 2007 erlangte sie den Grad der Reikimeisterin. Es folgten eine vierjährige Ausbildung in Psychodynamik und integrativer Energiearbeit an der Snowlion Center School sowie Weiterbil- dungen in Traumaarbeit, Cranio-Sacral-Therapie, Quantenheilung und Mental Coaching. Zudem ist sie Elterncoach und Mental Health Coach für Kinder und Jugendliche.