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Kuschelkurs oder Strenge?

Was Kinder wirklich brauchen – ein Trend-Check zu aktuellen Erziehungsstilen

Kaum ein Thema wird in sozialen Medien so leidenschaftlich diskutiert wie Erziehung. Fast jedes Jahr taucht ein neuer Begriff auf, der verspricht, wie Erziehung „richtig“ geht. Schaut man genauer hin, drehen sich die meisten Trends um dieselbe Frage: Wie viel Freiheit braucht ein Kind – und wie viel Führung durch Erwachsene? Ein Blick auf vier aktuelle Strömungen zeigt, dass es am Ende weniger um Methoden geht als um die eigene Haltung.

Trend 1: Bedürfnisorientiert erziehen

Unter Begriffen wie „bedürfnisorientierte Erziehung“ oder „Gentle Parenting“ setzen viele Eltern auf Einfühlung statt Strafe. Gefühle des Kindes werden ernst genommen, Konflikte im Gespräch gelöst, Beschämung und Drohungen haben keinen Platz. Das ist ein wichtiger Fortschritt gegenüber früheren Generationen.

In der Praxis wird der Ansatz allerdings oft missverstanden – als ob Eltern nie Nein sagen dürften. Viele Familien erleben dann das Gegenteil von Harmonie: endlose Diskussionen, erschöpfte Eltern und Kinder, denen Orientierung fehlt. Inzwischen wächst die Kritik, und viele Eltern ergänzen Einfühlung wieder bewusst um klare Regeln.

Was das für die Haltung heisst: Bedürfnisorientiert bedeutet nicht grenzenlos. Ein Kind darf traurig oder wütend sein, wenn es etwas nicht bekommt. Eltern können dieses Gefühl begleiten und trotzdem bei ihrem Nein bleiben.

Trend 2: „Probier’s aus, dann merkst du’s“

Als Gegenbewegung verbreitet sich vor allem im englischsprachigen Raum ein deutlich härterer Stil, der unter dem derben Kürzel FAFO („fool around and find out“) bekannt ist. Die Idee: Eltern diskutieren weniger und lassen Kinder die Folgen ihres Handelns direkt spüren. Wer die Jacke nicht anziehen will, friert eben.

Was das für die Haltung heisst: Folgen dürfen eintreten – wie sie sinnvoll eingesetzt werden, zeigt der Beitrag „Klare Grenzen geben Halt!“ in dieser Ausgabe. Doch Folgen ersetzen nicht die Beziehung. Kinder brauchen Erwachsene, die danach einordnen und trösten – und die bei Fragen der Sicherheit und Gesundheit selbst Verantwortung übernehmen.

Trend 3: Lieber beste Freundin als Autorität?

Junge Eltern erziehen anders als ihre eigenen Eltern. Das zeigt die Familienstudie 2025 der deutschen Krankenkasse pronova BKK, für die 2000 Mütter und Väter befragt wurden. Die Zahlen stammen aus Deutschland, die Diskussion wird bei uns aber ganz ähnlich geführt. Regeln werden heute häufiger gemeinsam mit dem Kind besprochen als früher, und zwei Drittel der Eltern finden es gut, wenn Kinder auch einmal Grenzen austesten.

Besonders deutlich ist der Wandel bei den jüngsten Eltern bis 30 Jahre. 72 Prozent von ihnen möchten die beste Freundin oder der beste Freund ihres Kindes sein, 65 Prozent ist Spass und Lebensfreude in der Erziehung besonders wichtig. Zugleich fühlen sich 44 Prozent dieser jungen Eltern häufig überfordert – deutlich mehr als bei älteren Eltern (26 Prozent).

Was das für die Haltung heisst: Nähe ist wertvoll. Aber Kinder haben Freundinnen und Freunde – Eltern sind etwas anderes. Sie tragen die Verantwortung und dürfen auch einmal unbeliebt sein. Wer diese Rolle annimmt, muss nicht jede Entscheidung mit dem Kind aushandeln, und das entlastet oft auch die Eltern selbst.

Trend 4: Mehr zutrauen, weniger behüten

Viele Eltern begleiten ihre Kinder heute sehr eng: Die Freizeit ist durchorganisiert, Streit mit anderen Kindern wird geschlichtet, Hindernisse werden aus dem Weg geräumt. Man spricht von „Helikopter-“ oder „Rasenmäher-Eltern“. Als Gegenbewegung setzen vermehrt Familien bewusst auf weniger Programm und mehr Freiraum. Kinder sollen frei spielen, draussen sein, den Weg in den Kindergarten oder in die Schule allein gehen und auch einmal Langeweile aushalten dürfen.

Was das für die Haltung heisst: Wer seinem Kind etwas zutraut, setzt auch sich selbst eine Grenze – die eigene Sorge nicht über die Entwicklung des Kindes zu stellen. Führung bedeutet nicht, alles zu kontrollieren, sondern einen sicheren Rahmen zu geben, in dem Kinder selbstständig werden können.

Autorität – ja, aber welche?

Trends kommen und gehen. Die Entwicklungspsychologie liefert dagegen seit Jahrzehnten ein recht stabiles Bild: Kinder entwickeln sich am besten, wenn Erwachsene Wärme und Führung verbinden. Fachleute sprechen vom „autoritativen“ Erziehungsstil – im Unterschied zum „autoritären“ Stil mit viel Kontrolle und wenig Wärme. Autorität ist also nichts Altmodisches. Entscheidend ist, worauf sie beruht.

Eine Antwort darauf gibt der Ansatz der „Neuen Autorität“. Entwickelt hat ihn der israelische Psychologe Haim Omer ursprünglich für die Arbeit mit Eltern; im deutschsprachigen Raum wurde er vor allem gemeinsam mit Arist von Schlippe bekannt. Heute wird er auch an Schulen und in der Elternberatung genutzt, in der Schweiz zum Beispiel vom Elternnotruf.

Im Zentrum steht nicht Macht, sondern Präsenz: „Ich bin da, und ich bleibe da.“ Eltern müssen in einem Konflikt weder sofort reagieren noch gewinnen. Sie dürfen eine Situation zuerst ruhen lassen und später mit kühlem Kopf darauf zurückkommen – Haim Omer spricht davon, das Eisen zu schmieden, wenn es kalt ist. Statt zu strafen, setzen Eltern auf Beharrlichkeit, Wiedergutmachung und die Unterstützung anderer Erwachsener. Autorität entsteht so nicht durch Lautstärke, sondern durch Haltung.

Drei Fragen an die eigene Haltung

  • Wofür stehe ich?: Welche zwei, drei Werte sind mir in der Erziehung wirklich wichtig – unabhängig davon, was gerade empfohlen wird?
  • Wo werde ich unsicher?: In welchen Situationen gebe ich nach, obwohl ich eigentlich Nein meine – und was bräuchte ich, um dabei zu bleiben?
  • Wer stärkt mir den Rücken?: Mit wem kann ich mich austauschen, wenn ich zweifle – mit dem anderen Elternteil, mit Freunden oder anderen Eltern?

Jeder Trend greift ein berechtigtes Anliegen auf – mehr Einfühlung, mehr Eigenverantwortung, mehr Nähe, mehr Freiraum. Schwierig wird es erst, wenn ein Ansatz absolut gesetzt wird. Eltern müssen sich für keine Schublade entscheiden. Was zählt, ist eine klare und zugewandte Haltung. Sie zu leben braucht Kraft – und die haben Eltern nur, wenn sie auch auf ihre eigenen Grenzen achten.

Kinder brauchen Eltern, die zugewandt sind und Führung übernehmen. Das war schon vor allen Trends so – und wird es auch bleiben.

Quelle der Zahlen: pronova BKK, Familienstudie 2025 (Online-Befragung von 2000 Eltern mit mindestens einem Kind unter 16 Jahren).

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