Wenn jedes fünfte Kind in Liechtenstein gemobbt wird, dürfen wir als Gesellschaft nicht mehr wegschauen
Erschreckende Zahlen aus unseren Schulen
Wir sehen es gerade sehr deutlich – und zwar nicht irgendwo, sondern hier bei uns: Zwei aktuelle Studien zur psychischen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern in Liechtenstein zeigen, wie es vielen Jugendlichen im Alltag wirklich geht. Am Liechtensteinischen Gymnasium sagen 46% der Befragten, dass sie sich niedergeschlagen fühlen. Nur etwas mehr als die Hälfte war in den letzten Wochen meistens gut oder «so mittel» drauf. Gleichzeitig fühlt sich rund ein Viertel stark gestresst – vor allem wegen dem, was in der Schule alles verlangt wird.
Und es bleibt nicht bei «schlechter Laune». Auch die Studie zu den Real- und Oberschulen zeigt: Jeder fünfte Jugendliche erlebt mehrmals im Monat Ausgrenzung oder Mobbing. Sechs Prozent werden regelmässig bedroht, und jede bzw. jeder Zehnte berichtet von körperlicher Gewalt. Dazu kommt: Laut Studie hat etwa ein Achtel der Jugendlichen einen problematischen Social-Media-Konsum – also das Gefühl, nicht mehr richtig stoppen zu können.
Dass es laut Studie den meisten Kindern im Land gut geht, ist nur ein kleiner Trost – und darf nicht dazu führen, dass wir das Drittel der mittel bis stark Belasteten übersehen. Das sind zu viele.
Das sind harte Zahlen. Hinzu kommt, dass wir bei der Interpretation berücksichtigen müssen, dass es sich um Selbstberichtsdaten handelt, die zwar international als Standard gelten, jedoch keine vollständige Erfassung aller Fälle ermöglichen. Die internationale Forschung zeigt vielmehr konsistent, dass ein erheblicher Teil von Mobbingvorfällen nicht gemeldet wird – sei es aus Scham, Angst vor Konsequenzen oder mangelndem Vertrauen in Erwachsene oder schulische Autoritäten.
Überraschend kommen diese Zahlen nicht – sie entsprechen im internationalen Vergleich einer mittleren bis hohen Mobbingrate. Und auch um die psychische Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen in Liechtenstein steht es nicht gut.
Mobbing ist kein «neues Problem» – aber wir nehmen es noch zu oft nicht ernst
Ein Blick über die Grenzen zeigt: Mobbing gehört seit Jahren zu den häufigsten Belastungen in der Jugendzeit. Eine der bekanntesten Untersuchungen ist die WHO-Studie «Health Behaviour in School-aged Children (HBSC)», in der Jugendliche in über 40 Ländern befragt werden. In den aktuellen Auswertungen berichtet ungefähr jedes fünfte Kind bzw. jede fünfte Jugendliche von regelmässigen Mobbingerfahrungen; zusätzlich nennen rund 15% Cybermobbing.
Gleichzeitig zeigen viele Studien eine insgesamt steigende Belastung: Über ein Drittel der Jugendlichen berichtet häufigen Stress, etwa ein Viertel regelmässige Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit, und rund ein Drittel Schlafprobleme.
Und ja: Auch in der Schweiz sind die Zahlen hoch. Etwa 35% der Jugendlichen sagen, dass sie ein- bis mehrmals im Monat gemobbt werden (HBSC-Studie 2023). Und die ZHAW / Pro Juventute Cyberlife-Studie (2024) zeigt: Etwa 16–18% der Jugendlichen machen Erfahrungen mit Cybermobbing. Rund 25% kennen jemanden im direkten Umfeld, der online gemobbt wurde.

Auch in Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild. In der PISA-Studie 2022 heisst es, dass rund 20% der 15-Jährigen regelmässig Mobbing erleben. Die COPSY-Studie zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen berichtet zudem, dass inzwischen mehr als ein Drittel psychische Belastungssymptome zeigt. In Österreich berichten rund 30–35% der Jugendlichen, dass sie mindestens einmal Mobbing erlebt haben; etwa 18% sagen, dass sie oft und regelmässig gemobbt werden.
Mobbing hört heute nicht mehr beim Pausenplatz auf. Digitale Medien haben Streit und Ausgrenzung verändert: Cybermobbing passiert über soziale Netzwerke, Messenger-Chats oder Online-Plattformen – und wirkt oft rund um die Uhr. Viele Jugendliche erleben Mobbing offline und online gleichzeitig. Das ist besonders belastend. Der neueste WHO-Bericht zur HBSC-Studie (2024) zeigt zudem: Cybermobbing ist europaweit in den letzten vier Jahren um 25–30% angestiegen.
Warum in reichen Ländern gemobbt wird – und ja: auch bei uns
Vergleichsstudien zeigen etwas, das viele zuerst überrascht: Nur weil ein Land wohlhabend ist, heisst das nicht automatisch, dass es weniger Mobbing gibt. Länder wie Grossbritannien, die Schweiz, Deutschland, Litauen, Australien – und auch Liechtenstein – liegen in einzelnen Auswertungen besonders bei sozialer Ausgrenzung, Gerüchten oder Cybermobbing eher hoch. Fachleute nennen dafür mehrere Gründe: mehr Leistungsdruck, mehr Vergleiche («Wer ist cooler, besser, beliebter?»), oft auch mehr Fokus auf «ich» statt «wir» – und sehr viel Social Media. Wenn Erfolg, Status und Leistung ständig im Vordergrund stehen, entstehen schneller Grüppchen und Rangordnungen. Und genau dort passiert Ausgrenzung besonders leicht.
Länder, die in manchen Vergleichen tiefere Mobbingraten haben, sind zum Beispiel Schweden, Norwegen, Finnland und Island. Was auffällt: Dort, wo die Zahlen tiefer sind, arbeiten Schulen und Politik oft seit Jahrzehnten mit festen verankerten wissenschaftlichen Präventionsprogrammen. Also nicht «ein Projekt für ein Jahr oder für eine Schule», sondern konsequentes Dranbleiben – über lange Zeit.
Mobbing und Cybermobbing haben schwere gesundheitliche Folgen
Die Forschung ist hier klar: Mobbing und Cybermobbing können Kinder und Jugendliche stark belasten – nicht nur im Moment, sondern oft auch länger, manchmal ein Leben lang.
Viele internationale Studien zeigen: Wer regelmässig gemobbt wird, hat ein deutlich höheres Risiko, psychisch aus dem Gleichgewicht zu geraten. Im WHO-HBSC Bericht 2024, der Daten aus über 40 Ländern zusammenfasst, sieht man zum Beispiel:
- Jugendliche mit Mobbingerfahrungen berichten 2- bis 3-mal häufiger von depressiven Symptomen.
- Ausserdem nennen sie deutlich häufiger Angst, Stress und Einsamkeit.
- Etwa 40–50% der gemobbten Jugendlichen berichten von regelmässiger emotionaler Belastung und geringerer Lebenszufriedenheit
Mobbing wirkt sich nicht nur auf Gefühle aus, sondern ganz konkret auch auf Schule und Lernen. Die OECD-PISA-Studie 2022 zeigt: Schülerinnen und Schüler, die regelmässig gemobbt werden, haben häufiger weniger Lust zum Lernen, erleben mehr Schulstress, fehlen öfter – und ihre Leistungen fallen im Schnitt schlechter aus. Mobbing schadet damit nicht nur dem Wohlbefinden, sondern auch Lernfähigkeit und Bildungschancen.
Darum sind Aussagen wie «das gab’s früher auch schon» oder «ist halt ein Streit unter Kindern» oder «Kinder müssen das allein regeln» so gefährlich und wenig hilfreich. Mobbing ist ein ernster Risikofaktor für die psychische Gesundheit und für eine gute Entwicklung unserer Kinder und Jugendlichen, unserer Gesellschaft.
Was effektive Präventionsarbeit ausmacht und wie man Mobbingraten senken kann
Wir von Kinderschutz.li setzen uns seit über zehn Jahren dafür ein, Schulen, Eltern und die Öffentlichkeit für das Thema Mobbing und Mobbingprävention zu sensibilisieren. Zusammen mit unseren Fachpersonen – unter anderem Prof. Dr. Eveline Gutzwiller-Helfenfinger, die in Forschung und Praxis zu Mobbing, sozialen Dynamiken in Schulklassen und Prävention arbeitet und selbst bereits evidenzbasierte Programme wie das norwegische Olweus Programm erforscht und umgesetzt hat – haben wir in den letzten Jahren Programme, Workshops und Sensibilisierungsangebote für Schulen in Liechtenstein entwickelt und durchgeführt. Unser Ziel war (und ist), dass Schulen, Kinder und Eltern Mobbing früher erkennen, die Dynamiken und Rollen besser verstehen und langfristig Strukturen aufbauen, die wirklich tragen.
Was wir dabei immer wieder sehen: Zu häufig fehlt zu Hause noch das Verständnis für Mobbing. Zu oft wird erst interveniert, wenn Mobbing die Klasse bereits fest im Griff hat und die Probleme fast unüberwindbar sind. Noch immer werden einzelne Kinder oder Jugendliche als Täter oder Opfer herausgenommen – ohne dass es nachhaltige Veränderungen gibt. Und zu häufig fehlen Wissen, Ressourcen und die echte Bereitschaft, langfristig in wirksame Prävention zu investieren.
Wirksame Mobbingprävention beginnt nicht, wenn es «eskaliert». Sie beginnt viel früher: bei der Haltung der Erwachsenen und beim sozialen Klima an einer Schule. Längst ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Prävention Mobbing reduzieren kann, wenn sie richtig umgesetzt wird.
Viele heute erfolgreiche Präventionsansätze haben ihren Startpunkt bereits in den 1980er-Jahren in Norwegen. Nach mehreren tragischen Fällen – schwere Mobbingerfahrungen und Suizide bei Jugendlichen – startete die Regierung eine landesweite Initiative gegen Mobbing. Der Psychologe Dan Olweus entwickelte daraufhin das international bekannte «Olweus Bullying Prevention Program». Dahinter steckt nichts «Magisches», sondern konsequente Basics: schulweite Regeln gegen Mobbing, Coaching und Supervision der Lehrpersonen, regelmässige Trainings, Erwachsene, die wirklich eingreifen, regelmässige Klassengespräche über das Miteinander und eine enge Zusammenarbeit mit Eltern. Das Programm wurde zuerst in mehreren tausend Schulen eingeführt. Evaluationen zeigten, dass Mobbing dadurch um etwa 30 bis 50 Prozent reduziert werden konnte – und dass auch Gewalt und Ausgrenzung zurückgingen, während sich das Schulklima messbar verbesserte.
Auch Schweden hat in den Jahrzehnten danach umfassende Strategien zur Mobbingprävention aufgebaut. Ein bekannter Ansatz ist das «Friends-Programm», das seit den 1990er-Jahren in vielen Schulen genutzt wird. Es verbindet Schulklima-Analysen, Weiterbildung für Lehrpersonen und die aktive Einbindung von Schülerinnen und Schülern (zum Beispiel über Peer to Peer-Programme). Gleichzeitig wurde Prävention dort auch politisch und rechtlich stärker verankert: Schulen sind verpflichtet, aktiv gegen Mobbing vorzugehen, das Schulklima regelmässig zu überprüfen und passende Massnahmen umzusetzen.
Ein weiteres international beachtetes Beispiel ist das «KiVa-Programm» aus Finnland (Universität Turku). Auch hier geht es stark um Gruppendynamik: Es wird nicht nur auf «Täter» und «Opfer» geschaut, sondern auch auf die Rolle der Zuschauenden in der Klasse (also die, die mitlachen, wegschauen oder helfen könnten). Studien zeigen, dass KiVa in vielen Schulen zu einer Reduktion von Mobbing um etwa 30 bis 40 Prozent geführt hat – und dass sich gleichzeitig das soziale Klima und die Zufriedenheit der Schülerinnen und Schüler verbessert haben.
Vergleiche zwischen Ländern zeigen heute oft: Länder wie Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark gehören in Europa zu denen mit tieferen Mobbingraten. Ein wichtiger Grund ist immer wieder derselbe: Prävention wird dort nicht als kurzfristige Aktion verstanden, sondern als langfristige nationale Strategie. Schulen werden systematisch unterstützt, Lehrpersonen werden fortgebildet, Eltern einbezogen – und das Thema bleibt gesellschaftlich sichtbar.
Die wichtigste Erkenntnis aus der Forschung ist eigentlich simpel: Mobbing lässt sich reduzieren – aber nur, wenn Prävention langfristig, konsequent und systematisch passiert. Ein einzelner Workshop oder eine einmalige Aktion reicht nicht. Es braucht Zeit, Dranbleiben und eine gemeinsame Linie. Internationale Beispiele zeigen klar: Besonders nachhaltig wird es dort, wo Prävention gemeinsam und landesweit umgesetzt und über Jahre weiterentwickelt wird.
Was jetzt passieren muss!
Wenn jedes fünfte Kind oder jede bzw. jeder fünfte Jugendliche in Liechtenstein regelmässig Ausgrenzung oder Mobbing erlebt, darf dieses Thema nicht als internes Verwaltungsthema behandelt werden. Mobbing ist ein systemisches Problem – und Prävention zu komplex und zu bedeutsam, um sie ausschliesslich hinter institutionellen Türen zu verhandeln.
Die Erfahrungen aus Ländern wie Norwegen, Schweden oder Finnland zeigen deutlich: Erfolgreiche Präventionsstrategien entstehen dort, wo Schulen, Wissenschaft, Lehrpersonen, Fachstellen, Eltern und zivilgesellschaftliche Organisationen gemeinsam an Lösungen arbeiten. Prävention wird nicht allein als administrative Aufgabe von Ämtern verstanden, sondern als gesellschaftliche Verantwortung, die breite Zusammenarbeit, Zustimmung und Transparenz braucht.
Gerade bei Themen wie Mobbing, mentaler Gesundheit und Schulklima ist es entscheidend, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen: die Erfahrungen von Lehrpersonen im Alltag, die Expertise von Fachpersonen aus Forschung und Prävention sowie die Sicht von Eltern und zivilgesellschaftlichen Organisationen im Kinder- und Jugendschutz.
Internationale Beispiele zeigen: Erfolgreiche Prävention entsteht dort, wo Institutionen bereit sind, offen zu lernen, externe Expertise einzubeziehen und bestehende Ansätze kritisch zu prüfen. Eine solche Kultur der Zusammenarbeit stärkt nicht nur die Qualität von Präventionsarbeit, sondern auch das Vertrauen der Öffentlichkeit.
Wenn Liechtenstein aus den Erfahrungen anderer Länder lernen will, braucht es deshalb mehr als interne Prozesse: eine offene, landesweite Strategie, in der Schulen, Fachpersonen, Wissenschaft, Eltern und zivilgesellschaftliche Organisationen gemeinsam Verantwortung übernehmen und ihre Erfahrungen einbringen.
Es braucht die Bereitschaft hinzuschauen und sofort zu handeln, denn alle Kinder haben das Recht auf ein gesundes, gewalt- und mobbingfreies Aufwachsen.
Alle Kinder sind unsere Gesellschaft von morgen – wir müssen jetzt handeln.
Quellen
Studie Psychische Gesundheit der Schüler:innen am Liechtensteinischen Gymnasium (FHNW, 2024)
Studie Psychische Gesundheit der Schüler:innen Sekundarstufe I Liechtenstein (FHNW, 2025)
WHO HBSC Study – Health Behaviour in School-aged Children (2024)
OECD PISA 2022 – School Climate and Student Well-Being
COPSY Studie Deutschland – Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (2023/2024)
HBSC Schweiz (2022)
HBSC Österreich (2022)
NHS Mental Health of Children and Young People Survey (UK, 2023)
UNESCO Global Status Report on School Violence and Bullying (2023)
Gutzwiller-Helfenfinger, E. (2017/2022). Schulisches Mobbing (Vorträge / Fachbeiträge, Berner Gesundheit / Kinderschutz)
Olweus, D. (1993).
Bullying at School: What We Know and What We Can Do.
Bjereld, Y., et al. (2020)
Longitudinal associations between bullying and mental health
Alsaker, F. D. (2003).
Quälgeister und ihre Opfer: Mobbing unter Kindern – und wie man damit umgeht.
Petrosino, A., Guckenburg, S., DeVoe, J., & Hanson, T. (2010)
What characteristics of bullying, bullying victims, and schools are associated with increased reporting of bullying?
Prati (2025) – Time Trends in Peer Violence and Bullying